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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Trauer um das Kind
Ahasveru Offline

Administration Forum

Beiträge: 6.581

24.10.2005 21:57
Die verwaiste Mutter antworten

Die verwaiste Mutter

von Elisabeth Höglinger
erschienen in Perspektive 1/2003

In dem philosophischen Märchenroman „Die unendliche Geschichte“ lässt Autor Michael Ende den Protagonisten am Schluss seinen Vater auf abenteuerliche Weise wiederfinden: er ist eingeschlossen in einem Bergwerk, dem Suchenden sichtbar nur hinter einer Wand von Kristall, eine kleine Gestalt, an einer Werkbank sitzend, in die Ferne gerückt, versunken.

*

Leben hinter der Kristallwand
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Das Schicksal fragt nicht...
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Glück, Dankbarkeit, Freude, Genießen...
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Hilfe und Isolation
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Das kostbare Dasein der Erinnerung...

Leben hinter der Kristallwand

Vor sechs Jahren war sie mit ihrem behinderten Sohn mit der eben gegründeten Selbsthilfegruppe Adum mitgekommen, man hatte einen Ausflug gemacht, dann jedoch hatten sie nicht mehr kommen können, dem Jungen ging es schlecht, über eine freiwillige Helferin kamen spärliche Nachrichten, sie lebe eingeschlossen, ganz der Pflege hingegeben, dann war sie, allerdings ohne ihr Kind, bei einer Weihnachtsfeier dabei gewesen, im Juni darauf kam plötzlich die Nachricht. Der Sohn war gestorben. Die Anteilnahme für die vom Schicksal schwer Geprüfte war im Dorf groß, die ehemaligen Mitschüler des Sohnes, die nicht lange vorher mit ihm in der Mittelschule gewesen waren, alle, alle fanden sich ein, sie fühlte die Solidarität und Wärme. Dann wieder das Abtauchen in jene Welt hinter der Kristallwand. So erscheint mir diese Mutter, ferne, verwaist, der Zustand ist ihr bewusst und wird reflektiert: „Mir scheint, ich bin wie ein schwankendes Blatt, das der Wind hin und her wirbelt, ich habe meinen Halt verloren.“

Das Schicksal fragt nicht...

Fragt das Schicksal oder der Zufall, ob man die Bürde auch zu tragen vermag? Ihr Mann war eben erst gestorben, nach schwerer Krankheit, da diagnostizierte man in Folge eine Routine-Blutprobe die Erkrankung des Kindes, das damals im Vorschulalter war. Man schonte sie im Krankenhaus, nicht alles, was kommen würde, sagte man ihr. Aber sie wusste jetzt genug. Es würde sehr bald den Rollstuhl gebrauchen müssen, die Muskeldystrophie schreite fort, die Lebenserwartung sei gering. Damit waren sie Befristete, beide, Mutter und Sohn. Sie nahm es nicht nur hin. Sie haderte mit ihrem Gott, nicht wegen ihres eigenen Loses, aber weil das Kind all diese Qualen erleiden musste. Anders als von Wohlmeinenden empfohlen wird, verschwieg sie ihm die Schwere seines Zustands. Er sollte nicht wissen, was ihm bevorstand. Und er fragte kaum. Einmal nur wunderte er sich, dass er die Hände nicht mehr so gebrauchen könne wie vorher. „Mama, warum kann ich das nicht mehr machen?“ Als er eingeschult wurde, konnte er noch laufen. Bei der Faschingsfeier war er besonders fröhlich und beweglich, lief hin und her, am Morgen darauf konnte er schon nicht mehr gehen. Ein Rollstuhl wurde beschafft, der Transport ins nahe Schulhaus musste gelernt und bewältigt werden. Wir sehen den hübschen, lachenden Bub auf den vielen Fotos immer nur im Rollstuhl, diese Form der Fortbewegung scheint ihn nicht bedrückt zu haben. Wir glauben der Mutter, wenn sie sagt, das Leben mit dem Kind habe ihrem Leben Sinn gegeben, seine Lust auf Dasein, auf Erleben habe sie erfüllt und beglückt.

Glück, Dankbarkeit, Freude, Genießen...

Alles wurde ihm zum Anlass der Freude, der Spaziergang, Blumen und Gräser, Tiere vor allem. Auf Fotos sehen wir ihn mit dem Kätzchen spielen, seinen kleinen Vogel füttern. Dankbar war er für jede Freude, die man ihm machte, aber nicht mit jener kränkelnden Dankbarkeit des Entbehrenden, sondern mit aktiver Dankbarkeit des wahrhaft Genießenden, die ansteckend ist. Er liebte die Volksmusik über alles. Das kam den „Kastelruther Spatzen“ zu Ohren, und so erschienen einzelne Mitglieder dieser Musikgruppe bei ihm und beglückten ihn mit einem Konzert. Alles um Weihnachten und Neujahr war für ihn ungemein aufregend, so wenn die Schilehrer extra für ihn vor seinen Fenstern ein Feuerwerkspektakel aufführten. An Zuwendung von Seiten der Leute fehlte es ja nicht, Besucher, gebetene und ungebetene, kamen. Die Pflege des Kranken erforderte in den letzten Jahren sehr viel Aufwand. Doch dafür haben wohlmeinende Besucher nie das rechte Verständnis, sie kommen, sie wollen Gutes tun. Wenn man dann nicht aufmacht, weil sie wirklich ungelegen kommen, sind sie gekränkt. So zog sich die Mutter immer mehr zurück, lebte das Dasein allein mit dem Sohn, wie es eben ging, pflegte Beziehungen zu Menschen mit ähnlichem Schicksal, die verstanden und wirklich helfen konnten.

Hilfe und Isolation

Nicht, dass es an einem gewissen Maß Hilfe gemangelt hätte. Der Beitrag der Lebenshilfe wird dankbar hervorgehoben. Sie war von allem Anfang an Stütze. Wie es zu Ende ging, war die Hospizbewegung begleitend dabei. Außer den Verwandten, auf die sich die Mutter sehr verlassen konnte, waren auch sonstige Menschen zum Beistand bereit. Dennoch war sie hauptsächlich auf sich gestellt. Wie soll man das erklären? Man wird irgendwie scheu und schwierig, man wird einfach anders. Der Alltag, das ganze Leben steht unter einem neuen Gesetz. Bei ihr ging das nicht so plötzlich wie bei anderen. Dort, wo das Kind fröhlich lärmend am Morgen aufbricht, die Schier geschultert; dann kommt die Meldung: schwerer Schiunfall, Intensivstation, wochenlang im Koma, der Wechsel zwischen Hoffnung und Aufgeben, nach Monaten bringen sie dir das Kind, es liegt unbeweglich, ohne Reaktion, sie betten es um von der Trage auf eine Liegegelegenheit in der Wohnung, und du bist allein mit ihm. Das verändert dein Leben. Dass ihr Sohn krank war, daran hatte sie sich jahrelang gewöhnen können, dennoch brachte der Rückgang fast aller Körperfunktionen nach mehrmonatigem Krankenhausaufenthalt, den sie selbstverständlich zusammen durchgestanden hatten, gänzlich neue Lebensbedingungen. Nun waren sie Eingeschlossene, beide. Man hatte ihr im Krankenhaus die lebenswichtigen Handgriffe der Pflege beigebracht, Schleim absaugen, damit die Atemwege frei werden und die Erstickungsgefahr gebannt ist. Am Tag immer zugegen sein, nur in Eile ein kleiner Einkauf, dann zurück, die Nacht hindurch aufstehen, zuletzt jede halbe Stunde. Ob sie das physisch noch lange durchgehalten hätte, weiß sie nicht. Dennoch bleiben die Selbstvorwürfe, jetzt, wo der schwierige Alltag der Pflege so plötzlich abbrach.

Das kostbare Dasein der Erinnerung...

Hat sie auch genug getan? Sinnlos, dass man sie beruhigt. Sie habe getan, was einem Menschen nur irgend möglich sei. Wenigstens war der Tod gnädig. Ohne Kampf, ohne Schmerz. Er sollte operiert werden wegen eines Darmverschlusses (die stockende Verdauung war ja das ganz große Problem der letzten Zeit gewesen) und entschlief in der Narkose.

Die Hände tasten in der Luft, sie sucht einen Halt, sie kämpft um das richtige Wort, sie möchte verstanden werden. Darin, dass sie jetzt nicht bedenkenlos ins so genannte Leben zurückkehrt, nach Erlebnissen gierig ist, die ihr jahrelang versagt blieben. Den Anschluss an irgendwelche Leute meidet sie wie bisher, sie fürchtet offenbar, dass ihr das Treiben des Alltags, das Ausgehen, Menschen treffen, das oberflächliche Geplauder die Erinnerung an das Leben mit dem Sohn raubt, dass jener, der ständig in ihr gegenwärtig ist, sich zurückzieht. Ängstlich ist sie bemüht, dieses kostbare Dasein der Erinnerung zu bewahren. Sie macht Spaziergänge, beugt sich über Gräser und Blumen, beobachtet Schmetterlinge wie einst er, und der Sohn ist ihr ganz nahe, es ist, als lebte er in ihr.

Informationsquelle: http://www.ricardas-homepage.de/Dorothee...Muetter/1/7.htm

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