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Augenblicke zwischen Leben und Tod


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 Bestattung
Ahasveru Offline

Administration Forum

Beiträge: 6.581

23.10.2005 09:53
BESTATTUNGSKULTUR antworten

BESTATTUNGSKULTUR

Es gibt kaum eine vorstellbare Bestattungsform, die nicht irgendwo und irgendwann einmal praktiziert wurde. Praktiken, die modernen Westeuropäern skurril oder schrecklich anmuten, wirken in anderen Kulturkreisen angemessen oder sogar tröstlich. Jede Gesellschaft muss ihre eigene Antwort auf die Frage finden: Wohin mit den Toten?

>> Erde
>> Luft
>> Wasser
>> Feuer
>> Warum sich Bestattungsformen ändern
>> Bestattungskultur heute
>> Das Ende von Friedhofs- und Sargzwang?

Erde

Die ältesten bisher gefundenen Gräber werden auf etwa 50.000 v. Chr. datiert. Zu den ältesten Beerdigungsformen zählt das "Hockergrab". Der Leichnam liegt wie ein Embryo mit angezogenen Beinen und gekrümmten Rücken auf der Seite in einem Steingrab. Soll es so aussehen, als ob der Tote schläft? Drückt seine Haltung die Erwartung einer Wiedergeburt aus? Waren die Leichen zusammengeschnürt worden, weil man Angst vor den Toten hatte? Oder wollte man nur platzsparend möglichst viele Leichen in einem Grab unterbringen? Es bleibt Spekulation. Sicher ist nur, dass Begräbnisse in frühen Kulturen eine wichtige Rolle spielten. Das belegen eindrücklich die Hünengräber: Bis zu 12 Meter lange aus großen Gesteinsblöcken zusammengefügte Kammern, die mit Erde bedeckt sind. Sie boten Platz für bis zu hundert Tote. Ihre Bauweise muss ein ungeheurer Arbeits- und Zeitaufwand gewesen sein. In späteren Zeiten meinte man, dass nur "Hünen", also Riesen, diese Grabstätten gebaut haben könnten. Daher der Name "Hünengräber". Die Steinsärge im antiken Griechenland hießen übrigens "sarkophagos", was übersetzt "Fleischfresser" heißt, weil sie aus einem Kalkstein waren, der die Verwesung förderte. Aus "sarkophagos" wurde im Deutschen "Sarkophag" und "Sarg".

Luft

Neben der Beerdigung gab es wahrscheinlich schon immer andere Bestattungsformen. Aus dem Osten Irans ist aus vorchristlicher Zeit die Luftbestattung bekannt, Tote wurden auf Türmen den Vögeln zum Fraß überlassen. Damit sollte weder die heilige Erde noch das heilige Feuer durch die Leichen verunreinigt werden.
Ein nordamerikanischer Indianerstamm, die Semiolen (Florida), bestattete einst seine Toten in hohlen Bäumen. Andere Stämme, die als Nomaden umherzogen, ließen manchmal ihre Sterbenden zurück oder die Alten verließen selbst ihren Stamm, um an bestimmten Plätzen, zum Beispiel auf Bergen, ihre letzte Ruhestätte zu finden.

Wasser

In Tibet wurden bestimmte Tote, zum Beispiel schwangere Frauen oder Leprakranke, in den Fluss geworfen. Wikinger ließen zum Teil ihre Verstorbenen auf kleinen Booten auf das Meer hinaustreiben, was auf eine Mischung von Luft- und Wasserbestattung hinausläuft. Eine moderne Variante ist die auch in Deutschland praktizierte Seebestattung in einer wasserlöslichen Urne.

Feuer

Feuerbestattungen gab und gibt es in vielen Kulturen, nicht nur in Indien, wo es bis heute die übliche Bestattungsform ist. Um 1500 v. Chr. (Bronzezeit) setzten sich Leichenverbrennungen bei den Germanen durch. Die Leichen wurden auf Scheiterhaufen gelegt, Knochen und Asche sammelte man zusammen mit einige kleinen Grabbeilagen (zum Beispiel Schmuck) in einfachen Urnen aus Ton.
Bei einer hinduistischen Bestattung in Indien zündet der älteste Sohn das Feuer an. Die Seele des Toten ("Atman": Hauch, Selbst) wird durch die Verbrennung aus dem Körper befreit.

Warum sich Bestattungsformen ändern

Die Vorstellung, der Mensch bestehe aus einem sterblichen, eher unwichtigem Leib und einer unsterblichen, aufsteigenden Seele gab es auch im römischen Reich. Dementsprechend fanden auch hier viele Feuerbestattungen statt.
Doch dann brachte das Christentum aus dem Judentum eine andere, ganzheitliche Vorstellung vom Menschen mit. An etwas prinzipiell Unsterbliches wie eine aufsteigende Seele glaubten weder Juden noch Christen. Der Mensch stirbt ganz und gar. Es kann nach dem Tod nur weitergehen, wenn der ganze Mensch "geweckt" wird von Gott. Für einen vorchristlichen Römer war es wahrscheinlich tröstlich, dem aufsteigenden Rauch bei einer Leichenverbrennung zuzuschauen. Für einen Christen aber wurde das zu einem abstoßenden Schauspiel ohne Sinn und ohne Achtung vor den Toten, die doch für den Tag ihrer "fleischlichen" Auferstehung in ein Grab gelegt werden sollten. Dort, wo das Christentum an Einfluss gewann, verschwanden deshalb die Leichenverbrennungen oder waren nur als besonders schändliche Bestattungsform, zum Beispiel für Hexen, vorgesehen.

Bestattungskultur heute

Die meisten Juden und Moslems sind bis heute gegen Feuerbestattungen und halten Gräber für den angemessenen Platz für Tote. Diese Gräber sollten nicht neu belegt werden. Die Totenruhe darf nicht gestört werden. Ein jüdischer Friedhof ist ein "bet olam", ein ewiges Haus. Viele von diesen letzten Ruhestätten wurden in Deutschland im Nationalsozialismus zerstört und die wenigen übriggebliebenen sind oft Opfer bewusster Friedhofsschändungen.
Die christlichen Kirchen haben mittlerweile die Einäscherung akzeptiert (die katholische Kirche offiziell erst 1963). Durch die Aufklärung im 19. Jahrhundert kam diese alte Bestattungsform wieder in Mode. Allerdings nicht, weil man an eine aus der Asche aufsteigende Seele glaubte, sondern aus praktischen Gründen: Eine Leichenverbrennung im Krematorium ist hygienisch und kostensparend. Der Preis für den kleineren Urnen-Grabplatz ist bis heute für viele ein wichtiger Grund, sich dafür zu entscheiden. Einige wählen sogar anonyme Bestattungen, um Angehörigen die Grabpflege ganz zu ersparen.

Das Ende von Friedhofs- und Sargzwang?

In Deutschland gibt es bisher, anders als zum Beispiel in Italien oder den Niederlanden, den "Friedhofszwang": Jede Bestattung, ob Sarg oder Urne, muss auf einem kirchlichen oder öffentlichen Friedhof stattfinden. Einzige Ausnahmen: Die Seebestattung von Urnen und seit neuestem das Urnenbegräbnis unter einem Baum in einem "Friedwald". Doch das wird zunehmend liberaler gehandhabt, zumindest in Nordrhein-Westfalen. Nach der Verabschiedung des neuen Bestattungsgesetzes im Sommer 2003 dürfen Urnen von Verwandten auch auf dem Kaminsims stehen und Muslime dürfen ihre Toten gemäß ihres Glaubens auch in Tüchern beerdigen, was ihnen bis dahin aufgrund des "Sargzwangs" oft nicht gestattet wurde.

(Autor: Jürgen Dreyer)
(Redaktion: Stefanie Fischer)


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